Beleidigen ohne Absicht.

Das geht schneller als man will. Vor kurzem erhielt ich die E-Mail eines Marketers. Ich folge seinem Funnel schon länger und grundsätzlich mag ich seine Angebote. Gutes Produkt, interessanter Upsell, ein gut gemachter Funnel. Doch in dieser Mail war alles anders – Angst, Druck, Beleidigung. Als ob wir das nicht schon zur Genüge hätten.

Ja, es ist sinnvoll, aufzuzeigen, was geschieht, wenn man tatenlos bleibt und alles beim Alten lässt. Das ist ein gängiges Mittel im Marketing. Aber auch hier macht der Ton – bzw. die Denkrichtung die Musik und dabei dürfen mit dem E-Mail-Marketer nicht die Pferde durchgehen.

In dieser Mail stand, dass ich, wenn ich nichts aus meinem Leben mache, alt und verkrüppelt mit mickriger Rente ende, die es mir nur erlaubt Dosenfutter zu essen, das ich mir in einer versifften (sic!) Mikrowelle erhitze.
So? Wirklich?
🤐…

Ohne näher darauf eingehen zu wollen, kommen mir gleich folgende Fragen in den Sinn, die die Beleidigung ausmachen.

Wie gut kennen wir die Situation unserer Kunden wirklich, um solche Szenarien zu zeichnen und diese als mögliche Realität zu unterstellen?
Hand aufs Herz – in der Regel wissen wir eher zu wenig als zu viel von unseren potenziellen Kunden und Geschäftspartnern. Wir müssen mit unseren eigenen Annahmen also sehr, sehr vorsichtig sein.

Wie stark projizieren wir unsere Erfolgsvorstellungen auf den Rest der Welt und vergessen dabei, dass es ganz unterschiedliche Lebensentwürfe und Arten von Erfolg gibt?
In dieser Mail ging es natürlich um Geschäftserfolge. Oberflächlich betrachtet ist Erfolg für einen großen Teil der Menschen das schlichte Verdienen von Geld. Je mehr, desto besser. Je genauer man hinschaut, desto mehr Arten von Erfolg lassen sich bestimmen und diese sind höchst individuell.
Wenn wir nur mit unseren eigenen Vorstellungen hantieren, treten wir unserem Gegenüber saftig ans Schienbein – schneller als wir denken. Wie kommt jemand darauf zu unterstellen, dass ein Leben mit bescheidenen finanziellen Mitteln automatisch mit Unordnung und Verwahrlosung einhergeht?
Wer kommt auf die Idee, dass weniger Geld zu haben gleich zu wenig sein muss und/ oder mit Krankheit endet?
Und wie kommt man dazu zu glauben, dass ältere Menschen mit weniger Geld nicht kochen können?

Und nebenbei – ich habe den tollen 5.000 Euro Online-Kurs nicht gebucht.

Was mich nachdenken ließ:
Wie schnell passiert es in einem ganz normalen, netten Verkaufsgespräch, dass man dem Kunden ein paar seiner Fehler aufzeigt, um sich als Lösungsbringer darzustellen. Man macht sich ein klein bisschen größer und dabei den anderen etwas kleiner. Was beim anderen bleibt, ist ein Gefühl von Minderwertigkeit, Geringschätzung – eine Beleidigung eben. Auch wenn diese nicht offensichtlich zutage tritt, bleibt ein leicht schaler Nachgeschmack, der die Entscheidung dafür oder dagegen unbewusst steuert.

Ehrliche Anerkennung und Wertschätzung sind der direkte Weg ins Vertrauen, Erfolge aufzuzeigen stärkt. Mit dieser Grundhaltung gewinnen wir Kunden mit Leichtigkeit.

Wir ermutigen doch auch unsere Kinder, ein Ziel zu erreichen. Es hat schon früher nicht funktioniert, Kinder mit Ohrfeigen zu etwas zu bringen. Mit Angst und Groll ist kein Blumentopf zu gewinnen.
In Marketing und Vertrieb ist es nicht anders, denn das kleine Kind, das man einmal war, sitzt immer mit am Tisch.